Stillstand im Fortschritt

Stillstand im Fortschritt

Juli 7, 2025 Aus Von BRFUCHS

Warum Gewerkschaften mit der Vergangenheit keine Zukunft gewinnen

Gewerkschaften haben in der Vergangenheit zweifellos etwas geleistet. Die 35 Stunden Woche, bezahlter Urlaub, Mitbestimmung im Betrieb – das sind historische Errungenschaften, auf die sie mit Recht stolz sein können. Doch wer heute das Gespräch mit einem Gewerkschaftsfunktionär sucht, hört oft dieselben Erzählungen von Kämpfen, die längst geschlagen sind. Die Geschichte wird dabei nicht als Fundament für neue Visionen genutzt, sondern zunehmend als Aushängeschild für eine Organisation, der es an frischem Elan fehlt.

Werbung für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist häufig rückwärtsgewandt. Broschüren, Reden und Plakate verweisen auf Siege aus dem 20. Jahrhundert – auf Tarifauseinandersetzungen aus der Nachkriegszeit oder das Verbot der Kinderarbeit im Kaiserreich. Doch was bedeutet das für junge Beschäftigte heute? Für Beschäftigte in Plattformarbeit, Leiharbeit, befristeten Jobs und Start-ups wirken diese Geschichten zunehmend abstrakt, fast museal. Das Narrativ lautet: „Damals haben wir viel erreicht – also tritt bei.“ Doch der Bezug zur Realität im Jahr 2025 fehlt oft.

In der modernen Arbeitswelt agieren Gewerkschaften viel zu oft nur noch reaktiv. Ob Digitalisierung, künstliche Intelligenz oder neue Arbeitsmodelle wie Remote Work – statt frühzeitig Gestaltungsansprüche zu stellen, beschränkt man sich häufig auf das Abmildern negativer Folgen. Arbeitgeber, Unternehmensberatungen und politische Thinktanks treiben die Debatte, Gewerkschaften hinken hinterher. Die Frage, „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?“ wird selten selbstbewusst gestellt, sondern meist erst dann, wenn der Wandel längst im Gange ist.

Ein Teil des Problems liegt in der eigenen Struktur: Viele Gewerkschaften sind bürokratisch, hierarchisch und intern nicht auf Innovation ausgerichtet. Die Nähe zu Parteiapparaten und politischen Institutionen hat vielerorts zu einer Verfestigung geführt – nicht zu Erneuerung. Dabei wäre gerade jetzt Mut gefragt. Es bräuchte Gewerkschaften, die neue Bündnisse suchen, sich digitaler organisieren, jüngere Generationen einbinden und über die klassischen Branchen- und Tariflogiken hinausdenken.

Ein Appell zur Erneuerung

Gewerkschaften haben immer dann überzeugt, wenn sie gesellschaftliche Bewegung waren – nicht nur Tarifinstanz. Wer also will, dass Gewerkschaften auch in Zukunft relevant bleiben, muss aufhören, sich im Glanz alter Zeiten zu sonnen. Es reicht nicht, die Vergangenheit zu verwalten. Was fehlt, ist der Gestaltungsanspruch für eine sich wandelnde Welt. Nur wer sich wandelt, kann Wandel gestalten.

Die eigentliche Frage lautet also nicht: Was haben Gewerkschaften erreicht?
Sondern: Was wollen sie morgen erreichen – und mit wem?


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