Vier Jahre Probezeit durch die Hintertür

Vier Jahre Probezeit durch die Hintertür

Juli 2, 2026 Aus Von BRFUCHS

Sachgrundlose Befristung: Wenn Unsicherheit zur Personalstrategie wird

Nach meiner persönlichen Einschätzung wäre eine Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf bis zu 48 Monate mit bis zu sechs Verlängerungen ein massiver Rückschritt für faire Beschäftigung. Übersetzt hieße das: vier Jahre Arbeit auf Abruf, vier Jahre Lebensplanung mit Ablaufdatum und vier Jahre Druck, bloß nicht unangenehm aufzufallen.

Für Arbeitgeber mag das bequem klingen. Man kann Beschäftigte über einen langen Zeitraum einsetzen und sich trotzdem alle Optionen offenhalten. Für Arbeitnehmer bedeutet es aus meiner Sicht vor allem Unsicherheit, Abhängigkeit und die ständige Frage, ob der Vertrag wieder verlängert wird.

Besonders im Betrieb halte ich das für problematisch. Wer befristet beschäftigt ist, wird sich sehr genau überlegen, ob er Missstände anspricht, Kritik äußert oder sich an den Betriebsrat wendet. Offiziell muss das niemand aussprechen. Der Druck entsteht oft schon dadurch, dass die eigene berufliche Zukunft immer wieder von einer Verlängerungsentscheidung abhängt.

Der Arbeitgeber bekommt damit maximale Beweglichkeit. Der Beschäftigte bekommt maximale Unsicherheit. Und dann wundert man sich ernsthaft, warum Loyalität, Motivation und Vertrauen im Betrieb den Bach runtergehen. Vielleicht liegt es daran, dass Menschen keine austauschbaren Platzhalter in einer Personalplanung sind. Eine gewagte These, ich weiß.

Sachgrundlose Befristungen in dieser Größenordnung sind ein Angriff auf faire Beschäftigung. Sie schwächen Belegschaften, sie schwächen Mitbestimmung und sie schaffen Abhängigkeit. Besonders junge Beschäftigte, Berufseinsteiger, Alleinerziehende und Menschen mit finanziellen Verpflichtungen trifft diese Unsicherheit hart. Wer eine Wohnung sucht, eine Familie plant oder einfach nur wissen will, ob er nächstes Jahr noch ein Einkommen hat, kann mit vier Jahren Befristung wenig anfangen.

Ein Betriebsrat darf sich davon nicht einlullen lassen. Nicht von schönen Begriffen, nicht von angeblicher Wettbewerbsfähigkeit und schon gar nicht von dem Märchen, befristete Beschäftigung sei doch für alle Beteiligten eine Chance. Für den Arbeitgeber vielleicht. Für Beschäftigte ist es oft nichts anderes als ein Schwebezustand mit Lohnabrechnung.

Vier Jahre sachgrundlose Befristung wären aus meiner Sicht keine Modernisierung, sondern Probezeit durch die Hintertür. Und wer Beschäftigte über Jahre in Unsicherheit hält, sollte sich nicht wundern, wenn Vertrauen und Loyalität irgendwann ebenfalls befristet sind.

Von den Gewerkschaften wird dazu vermutlich wieder das übliche Ritual kommen: ein bisschen Empörung für die Mitglieder, ein bisschen Rücksicht auf die SPD und am Ende bloß nichts, was den Genossen wirklich wehtut. Arbeiterkampf sieht anders aus.


© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert

Hinweis: Dieser Beitrag gibt ausschließlich meine persönliche Meinung und Bewertung wieder. Er stellt keine Rechtsberatung dar. Maßgeblich sind im Einzelfall die geltenden gesetzlichen, tariflichen und vertraglichen Regelungen.