Zwischen Maximalforderung und Minimalkompromiss

Zwischen Maximalforderung und Minimalkompromiss


Maximal fordern, minimal liefern – das Gewerkschaftsprinzip?

Das Schema ist bekannt: Vor den Tarifrunden schlagen die Funktionäre ordentlich auf die Pauke. Mehr Geld, weniger Arbeitszeit, mehr Respekt für die Beschäftigten – und das Ganze bitte mit Applaus und Protestaktionen. Die Basis wird mobilisiert, Plakate werden gemalt, Warnstreiks organisiert. Der Ton ist kämpferisch, das Ziel scheinbar klar: Jetzt wird richtig aufgeräumt!

Und was kommt am Ende dabei raus? Ein Lohnplus, das kaum die Inflation deckt. Ein paar weichgespülte Formulierungen zu Arbeitsbelastung und „Zukunftssicherung“. Und der Stolz der Gewerkschaftsspitze, dass man überhaupt zu einem Ergebnis gekommen ist. Der eigentliche Kampf scheint oft nur noch ein Theaterstück zu sein – mit vorbereiteten Rollen und einem vorhersehbaren Ende.

Immer mehr Gewerkschaftsmitglieder fühlen sich instrumentalisiert. Sie sollen auf die Straße gehen, sich vor den Werkstoren den Hintern abfrieren und Slogans skandieren – nur damit sich am Verhandlungstisch am Ende kaum etwas bewegt. Wenn man ständig mit Maximalforderungen auftritt, aber sich regelmäßig mit dem Mindestmaß zufriedengibt, wirkt das nicht wie Stärke, sondern wie Augenwischerei.

Viele fragen sich: Wem nützt dieses Schauspiel eigentlich? Der Belegschaft sicher nicht. Und auch nicht den Mitgliedern, die erwarten, dass ihre Interessen ernsthaft vertreten werden – nicht bloß inszeniert.

Die Gewerkschaft der Funktionäre?

Zunehmend entsteht der Eindruck, dass die Gewerkschaften mehr mit sich selbst beschäftigt sind als mit den Anliegen der Leute, die sie vertreten sollen. Innerhalb der Gremien wird oft kaum noch diskutiert, echte Meinungsvielfalt ist selten erwünscht. Wer kritisch denkt, stört. Wer sich nicht der Linie beugt, wird schnell ausgegrenzt.

Das hat mit echter Mitbestimmung wenig zu tun. Das ist vielmehr ein System der Selbsterhaltung – in dem die Basis als Statist dient, die Funktionäre aber die Show kontrollieren.

Was es braucht, ist kein neues Forderungspapier, sondern eine Rückbesinnung auf Ehrlichkeit. Warum nicht einmal mit realistischen, durchsetzbaren Zielen in die Verhandlungen gehen – und diese dann konsequent durchboxen? Warum nicht die Basis stärker einbeziehen und offen kommunizieren, was wirklich machbar ist?

Solange Gewerkschaften lieber den Showkampf pflegen, als ehrliche Arbeit für ihre Mitglieder zu leisten, werden sich immer mehr Beschäftigte abwenden – und das völlig zurecht.


Gewerkschaften leben von Vertrauen – aber Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Wer ständig mehr verspricht, als er zu liefern bereit oder fähig ist, der betreibt am Ende nur eins: Tariftheater. Und davon hat die arbeitende Mitte längst genug.


© 2025 Mirko Fuchs
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