Wenn ein Gewerkschafter die Demokratie erklärt

Wenn ein Gewerkschafter die Demokratie erklärt

Oktober 19, 2026 Aus Von BRFUCHS

Harun Durukan warnt vor gesellschaftlicher Spaltung und bedient sich dabei selbst einer Rhetorik, die Fragen aufwirft

Harun Durukan spricht in seiner öffentlichen Rede über Demokratie, Zusammenhalt und die Angst von Menschen, die sich aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihres Glaubens bedroht fühlen. Er erzählt von seinem Leben in Deutschland, seiner Familie, seinen Nachbarn und davon, dass er hier seine Kinder in Frieden und Sicherheit großgezogen hat.

Das ist nachvollziehbar. Wer hier lebt, arbeitet, seine Familie großzieht und Teil unserer Gesellschaft ist, soll sich selbstverständlich sicher fühlen können. Daran gibt es nichts zu kritisieren.

Doch dann nimmt seine Rede eine bemerkenswerte Wendung. Aus persönlichen Erfahrungen wird eine politische Anklage, aus dem Appell für Zusammenhalt eine Rede voller drastischer Bilder und schwerwiegender Vorwürfe.

Durukan spricht von dunklen Zimmern, in denen Pläne geschmiedet würden, Menschen aus ihren Wohnungen und Häusern zu reißen. Den Begriff Remigration verbindet er unmittelbar mit Deportation.

Das sind schwere Vorwürfe, die eine genaue Betrachtung verdienen. Denn zwischen der rechtsstaatlichen Rückführung ausreisepflichtiger Menschen und der Vertreibung deutscher Staatsbürger aufgrund ihrer Herkunft besteht ein fundamentaler Unterschied. Wer diese unterschiedlichen Sachverhalte in einer politischen Rede behandelt, sollte sie auch klar voneinander abgrenzen.

Dass es öffentliche Diskussionen über weitreichende Remigrationskonzepte gegeben hat, steht außer Frage. Gerade deshalb wäre es wichtig gewesen, konkret zu benennen, welche Forderungen Durukan kritisiert und auf welche Aussagen er sich dabei stützt.

Doch genau diese notwendige Differenzierung bleibt in seiner Rede weitgehend aus.

Stattdessen folgen weitere drastische Formulierungen. Durukan spricht von „Wölfen im Schafspelz“, die aus den Parlamenten heraus das Gift der Spaltung und Gewalt in die Gesellschaft tragen würden.

Eine bemerkenswerte Wortwahl für jemanden, der wenige Augenblicke später vor Hass, Ausgrenzung und gesellschaftlicher Spaltung warnt.

Natürlich darf Durukan politische Entwicklungen kritisieren. Er darf vor Extremismus warnen und seine politischen Überzeugungen mit Nachdruck vertreten. Dieses Recht steht ihm genauso zu wie jedem anderen Bürger.

Aber wer politische Gegner mit derart drastischen Bildern beschreibt, muss sich auch fragen lassen, ob er damit tatsächlich zu dem gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt, den er selbst einfordert.

Besonders auffällig ist, dass Durukan seine schwerwiegenden Vorwürfe in dieser Rede kaum mit konkreten Beispielen unterlegt. Welche parlamentarischen Initiativen meint er? Welche Aussagen belegen seine Vorwürfe? Welche politischen Forderungen kritisiert er im Einzelnen?

Statt einer nachvollziehbaren Auseinandersetzung mit konkreten Positionen setzt er vor allem auf emotionale Bilder und historische Anspielungen.

Das mag auf einer Kundgebung Beifall bringen. Eine überzeugende politische Argumentation ersetzt es nicht.

Auch seine Forderung, bestimmte politische Kräfte von der Macht fernzuhalten, verdient eine differenzierte Betrachtung. Selbstverständlich gehört es zum demokratischen Wettbewerb, politische Gegner durch Argumente, Wahlen und parlamentarische Mehrheiten von Regierungsverantwortung fernzuhalten.

Doch Demokratie bedeutet ebenso, dass unterschiedliche politische Überzeugungen innerhalb der verfassungsrechtlichen Grenzen ihren Platz haben. Wer für demokratische Werte eintritt, sollte deshalb nicht nur die eigenen Anhänger ansprechen, sondern auch erklären können, weshalb seine Argumente überzeugender sein sollen als die der politischen Konkurrenz.

Und dann wäre da noch Durukans Rolle als Gewerkschaftssekretär.

Er stellt seine gewerkschaftliche Tätigkeit ausdrücklich als wichtigen Teil seines Lebens vor. Er berichtet davon, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Das ist zunächst einmal eine ehrenwerte Aufgabe.

Umso interessanter ist, welche Themen in seiner Rede nicht vorkommen.

Wo bleiben die Sorgen der Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze? Wo bleiben die Fragen nach der Zukunft unserer Industrie, nach bezahlbarer Energie, nach wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und nach den Perspektiven der Arbeitnehmer?

Gerade in einer Zeit, in der viele Industriebetriebe unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen, wären das durchaus Themen gewesen, mit denen ein Gewerkschaftssekretär die Menschen hätte erreichen können.

Natürlich muss nicht jede Rede eines Gewerkschafters eine wirtschaftspolitische Grundsatzrede sein. Doch wer seine berufliche Tätigkeit ausdrücklich hervorhebt, muss sich auch die Frage gefallen lassen, weshalb er sich auf dieser Bühne nahezu ausschließlich mit politischen Feindbildern beschäftigt, während die wirtschaftlichen Sorgen vieler Beschäftigter keine konkrete Rolle spielen.

Zum Abschluss beruft sich Durukan auf das historische Versprechen „Nie wieder“.

Dieses Versprechen ist eine ernste Verpflichtung, die aus den Verbrechen des Nationalsozialismus erwachsen ist. Es erinnert uns daran, Menschenwürde, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu schützen.

Gerade deshalb sollte man mit historischen Bezügen verantwortungsvoll umgehen. Wer heutige politische Entwicklungen in diesen Zusammenhang stellt, sollte möglichst konkret erklären, welche Parallelen er sieht und worauf er seine Einschätzung stützt.

Sonst besteht die Gefahr, dass ein historisch bedeutsamer Appell zunehmend zum politischen Schlagwort wird.

Am Ende bleibt für mich eine Rede, die zwar viel über Demokratie, Menschlichkeit und Zusammenhalt spricht, in ihrer Argumentation aber bemerkenswert einseitig bleibt.

Durukan beklagt gesellschaftliche Spaltung und verwendet gleichzeitig drastische Bilder für seine politischen Gegner. Er spricht von Angst und Bedrohung, ohne seine Vorwürfe in dieser Rede ausreichend zu konkretisieren. Und er stellt seine gewerkschaftliche Tätigkeit heraus, ohne auf die aktuellen wirtschaftlichen Sorgen der Beschäftigten näher einzugehen.

Das darf man kritisieren. Und das sollte man auch.

Denn Demokratie lebt nicht davon, dass sich eine politische Seite moralisch über die andere erhebt. Sie lebt von Argumenten, Widerspruch, sachlicher Auseinandersetzung und der Bereitschaft, auch unbequeme Meinungen auszuhalten.

Wer ständig vor gesellschaftlicher Spaltung warnt, sollte deshalb auch die eigene Wortwahl hinterfragen. Wer Zusammenhalt fordert, sollte ihn nicht nur von anderen erwarten. Und wer Demokratie verteidigen möchte, sollte vor allem durch überzeugende Argumente zeigen, wofür er steht.

Beifall aus den eigenen Reihen ist schnell gewonnen. Menschen mit anderen Überzeugungen durch sachliche Argumente zu erreichen, ist die deutlich anspruchsvollere Aufgabe.

Und genau daran muss sich auch diese Rede messen lassen.


© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert


Hinweis: Dieser Beitrag gibt meine persönliche politische Meinung wieder und setzt sich kritisch mit einer öffentlich gehaltenen Rede von Harun Durukan auseinander. Die Bewertungen beziehen sich ausschließlich auf die in der Rede getätigten Aussagen und nicht auf seine Person oder seine berufliche Tätigkeit insgesamt.

Titelbild: Symbolische Karikatur zur kritischen Auseinandersetzung mit einer öffentlichen politischen Rede. Die Darstellung ist künstlerisch überspitzt und bildet keine tatsächliche Redesituation ab.

Originalrede: https://www.youtube.com/watch?v=vCRpQr_cM14